Veröffentlicht in Treibende Kräfte für Nachhaltigkeits-Marketing in der T&B-Industrie

Zwei Phasen der Globalisierung

Lt. Werther kann von zwei Phasen der Globalisierung gesprochen werden: Die erste Phase der Globalisierung war bestimmt vom Wachstum der Unternehmen. Durch die Ausnutzung globaler Standortunterschiede und die Vergrößerung ihrer Absatzmärkte sowieso zahlreiche Fusionen und Übernahmen, vor allem in den 80er und 90er Jahren, sind inzwischen einige Unternehmen wirtschaftlich mächtiger als viele Staaten. Somit zeichnet sich die erste Phase der Globalisierung durch „empowered corporations“ aus. Diese Unternehmen, vorwiegend Multinationals, haben wesentlichen Einfluss auf die Politik und verändern Spielregeln zu ihren Gunsten.

Die zweite Phase der Globalisierung zeichnet sich durch „empowered stakeholders“ aus. Mit erleichtertem Zugang zum Internet, ist auch der Zugang zu und der Austausch von Information einfacher und schneller geworden. Vor allem NGOs profitieren von dieser neuen Art der Kommunikation. Sie erreichen nun eine viel größere Masse an KonsumentInnen und koalieren sich mit ihnen und anderen Stakeholdern. Die Unternehmen verlieren mehr und mehr die Kontrolle über die Informationen, welche sie selbst betreffen. Auf der einen Seite kann dies für Unternehmen zu Konflikten führen, auf der anderen Seite können Unternehmen durch neue Kommunikationswege den aktiven Austausch mit ihren Stakeholdern pflegen (vgl. Werther 2006, S.52-57, vgl. Chomsky 2000).

Ältere Marketing-Konzepte decken die Anforderungen, die das Leitbild der Nachhaltigen Entwicklung und die heutigen Stakeholder stellen, nicht ab. Ein Deepening der bestehenden Ansätze bzw. die Weiterentwicklung zu einem neuen Ansatz, nämlich dem Nachhaltigkeits-Marketing ist daher notwendig (vgl. Kirchgeorg 2002, S. 4).

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Machtzunahme von Unternehmen

Mit Beginn der Industrialisierung im 18. Jh., welche in Europa ihren Ursprung nahm, breitete sich die kapitalistische Marktwirtschaft aus und wurde zum bestimmenden Wirtschaftssystem.

Ende 19. Jh. gab es bereits kritische Strömungen gegen den Kapitalismus. Allen voran Karl Marx und Friedrich Engels, welche die Arbeiterklasse durch eine kommunistische Revolution befreien wollten. Im 20. Jh. war es dann soweit. Russland und viele andere Staaten führten den Sozialismus ein – die Vorstufe des Kommunismus – dessen Ideal eine klassenlose Gesellschaft definiert, ohne Recht auf Privateigentum und ohne soziale Unterschiede.

Korrupte Politiker begingen mit dem in die Realität umgesetzten Sozialismus schlimme Menschenrechtsverletzungen. Die Nachwirkungen sind noch heute in China und Nordkorea zu spüren.

Durch den Fall der Berliner Mauer und dem Wegbrechen des Realsozialismus ab 1989 hat sich der Kapitalismus nun weltweit durchgesetzt (vgl. Werner-Lobo 2008, S. 28-29). Viele Länder in Europa, die eine soziale Marktwirtschaft praktizieren, regeln durch staatliche Gesetze die Rahmenbedingungen, die eine gewisse soziale Gerechtigkeit sicherstellen. Das hat die Armut in Mitteleuropa nahezu völlig beseitigt.

In den USA, wo der Kapitalismus weitaus mehr Freiheit genießt, leben trotz des vielen Reichtums, auf Grund der ungerechten Verteilung, ca. 13 % der Bevölkerung unter der Armutsgrenze (vgl. ebd., S. 35-36). Der Kapitalismus bringt mit sich, dass die Anzahl und die Macht multinationaler Unternehmen steigt (von 1980 bis 2004 stieg die Zahl von 17.000 auf 70.000, die 500 größten Unternehmen der Welt machen heute ungefähr 70 % des globalen Handels aus). Nicht wenige der Unternehmen sind wirtschaftlich inzwischen stärker als manche Länder (vgl. ebd., S. 32-36).

Das darf als gefährliche Entwicklung gewertet werden. So haben dermaßen große und mächtige Unternehmen die Möglichkeit Regierungen einzelner Staaten bei Bedarf massiv unter Druck zu setzen, in dem sie androhen ihre Wertschöpfung in Länder mit niedrigeren Steuern, Löhnen oder Umweltstandards zu verlagern. Das ist wohl auch der Grund, warum viele Regierungen die Sozial- und Umweltstandards sowie die Steuern auf Vermögen und Gewinne so weit reduzieren, dass vor allem Großunternehmen nahezu nichts mehr zur Finanzierung des Staates und der sozialen Systeme beisteuern. KMUs zahlen inzwischen mehr Abgaben und Steuern als Großkonzerne.

Großunternehmen und deren Lobbyvereinigungen treiben die Liberalisierung des Marktes voran. Die drei internationalen Organisationen wie die Weltbank, der Weltwährungsfonds (IWF) und die Welthandelsorganisation (WTO) sind ob ihrer Bedeutung für die Wirtschaft mächtiger geworden als die Vereinten Nationen (vgl. ebd., S. 38-49).

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Liberalisierung versus Protektionismus

Auch für die Industriestaaten hatte die Liberalisierung auf Grund des ungleichen Standortwettbewerbs zahlreiche Negativfolgen. Anfänglich wurde versucht, sich vor der Konkurrenz aus Billiglohnländern zu schützen. 1974 trat das MFA (Multi-Faser-Abkommen) in Kraft, da die Textilimporte aus Billiglohnländern rasch und unkontrolliert anstiegen. Mittels Quotenregelungen sollte die heimische Industrie vor Billigmitbewerbern geschützt werden. Im Jahr 1994 wurde aus dem MFA das ATC (Agreement on Textiles and Clothing). Dieses neue Weltabkommen hatte den Abbau der Quoten innerhalb von 10 Jahren zum Ziel. Am 1. Januar 2005 wurden, auf Grund von Protesten europäischer Länder, die Quoten neu definiert und bis Ende 2008 für gültig befunden. So wurde die komplette Liberalisierung zwar verzögert, nicht jedoch verhindert. Einzig die europäischen und amerikanischen Handelsunternehmen profitieren vom sukzessiven Quotenabbau und nutzen die Umstände für Preisdumping (vgl. Burckhardt 2006, S. 8). Mit der Abschaffung der Quotenregelung verstärkte sich der internationale Preisdruck auf viele Entwicklungsländer nochmals zusätzlich. China konnte Exporte zwar steigern, dafür mussten beispielsweise im südlichen Afrika zahlreiche Fabriken geschlossen werden. Dies hat eine Abwärtsspirale zur Folge. Sozial ungeschützte Arbeit, sinkende Reallöhne und Unterdrückung gewerkschaftlicher Organisationen sind Beispiele der Auswirkungen davon (vgl. Kloos 2009, S. 7).

Die einen drängen auf Liberalisierung, die anderen fürchten sie. Das ist wohl auch der Grund, warum viele Lobbyisten in den Industrienationen mittels Protektionismus ihre Unternehmen am Leben erhalten wollen. Wenn es um die ungerechte Behandlung von Entwicklungsländern in der T&B-Industrie geht, kommen unter anderem auch die Subventionen in Milliardenhöhe für den Anbau von Baumwolle zur Sprache.

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Freihandels- und Exportproduktionszonen

Eine erwähnenswerte Erfindung, in Zusammenhang mit der Globalisierung und Entwicklungsländern, sind die so genannten Freihandelszonen oder auch Exportproduktionszonen (EPZ). Diese Zonen befinden sich beispielsweise in Indonesien, China, Mexiko, Vietnam, auf den Philippinen und anderswo; sie sind isolierte, steuerfreie Wirtschaftsräume. Hier gibt es weder Ein- noch Ausfuhrzölle und es müssen keine Einkommens- oder Vermögenssteuern bezahlt werden.

Ursprünglich waren EPZs dazu auserkoren, den Handel mit Entwicklungsländern zu fördern. 1964 sprach sich der Wirtschafts- und Sozialrat der Vereinten Nationen für diese Art der Entwicklungsarbeit aus. Seither ist die Anzahl der Freihandelszonen stark gewachsen. Allein auf den Philippinen stieg die Anzahl der Beschäftigten in solchen Zonen (52 Zonen – Stand 2001) von 23.000 im Jahr 1985, auf 229.000 im Jahr 1994, auf 459.000 im Jahr 2001 (Leider waren keine aktuelleren Zahlen dazu finden).

Es sei hier ein Beispiel für die Dimensionen solcher Zonen genannt: Cavite, die größte Freihandelszone auf den Philippinen ist an die 276 Hektar groß, bietet über 200 Fabriken Platz, die mit ca. 50.000 Arbeitern ausschließlich für den Export produzieren. Diese EPZs sind Orte, an denen Marken so wenig wie möglich in Erscheinung treten wollen. Kein Logo, kein Name auf den Fabriksfassaden.

Die größte Zonenwirtschaft findet man in China. Dort arbeiten Schätzungen (Stand 2001) zu Folge 18 Mio. Menschen in 124 EPZs. Lt. ILO gibt es mindestens 850 EPZs auf der Welt, verteilt auf 70 Länder, mit ca. 27 Mio. Beschäftigten (vgl. Klein 2001, S. 214-216).

EPZ Fabriken werden in Guatemala auch „Schwalben“ genannt. Die Furcht diktiert die Entscheidungen. Regierungen fürchten sich davor, die Fabriken zu verlieren, die Fabriken fürchten sich davor, ihre ausländischen Auftraggeber zu verlieren und die ArbeiterInnen fürchten sich davor, ihren unsicheren Arbeitsplatz zu verlieren. Darum auch die Steuerbefreiungen, die lockeren Arbeitsschutzbestimmungen und die zur Verfügungsstellung eines Militärs, das für Ruhe in Form von Unterdrückung und Drohung sorgt. Die gesetzlich angelegten Mindestlöhne sind meist weit unter dem notwendigen Existenzminimum, damit der Standortvorteil nicht verloren wird und die Investoren ihre Drohung, bei für sie schlechteren Bedingungen, abzuziehen, nicht wahr machen. Der Versuch durch Arbeitsplätze Wohlstand zu generieren, scheitert somit kläglich (vgl. ebd., S. 212-216).