Veröffentlicht in Umsetzung des Leitbildes der Nachhaltigen Entwicklung durch das Nachhaltigkeits-Marketing

Die Rolle von Multi-Stakeholder-Initiativen im T&B-Sektor

Viele Unternehmen schreiben ihren Lieferanten inzwischen einen Verhaltenskodex (Code of Conduct) vor. Allein die Zusage, per Unterschrift, diesen auch einzuhalten, reicht jedoch in den meisten Fällen für eine reale Verbesserung der Bedingungen nicht aus. Aus der Perspektive der CCC (Clean Clothes Campaign) ist eine unabhängige Überprüfung solcher Kodizes durch Multi-Stakeholder-Initiativen (MSI) notwendig, um die Glaubwürdigkeit zu unterstützen (vgl. Erklärung von Bern 2008, S. 59).

„Of course the buyer has many compliance standards. If we try to implement all of them, we can sit at home. No production will happen … To ask us to complete production with a code of conduct is one thing and to implement it is another thing.” (Clean Clothes Campaign 2009, S. 45)

Diese Initiativen überprüfen nicht nur die Zulieferer, sondern untersuchen auch, welche Anstrengungen das Unternehmen unternimmt, welches den Kodex formuliert, um seine Lieferanten bei der Umsetzung zu unterstützen. Es gibt insgesamt fünf MSI im Bekleidungsbereich. Die Fair Wear Foundation (FWF), die Fair Labor Association (FLA), die Ethical Trading Initiative (ETI), das Workers Rights Consortium (WRC) und die Social Accountability International (SAI[1]). Im Fokus stehen dabei die sozialen Standards für produzierende Betriebe. Neben den MSI gibt es die von Unternehmen aus der Branche selbst gesteuerte Monitoring-Initiative BSCI (Business Compliance Initiative). Diese wurde 2003 von der Europäischen Außenhandelsvereinigung (FTA) ins Leben gerufen (vgl. Erklärung von Bern 2008, S. 58). Bereits 443 europäische Unternehmen (Stand 10.1.2010) sind Mitglieder der BSCI (vgl. Fabritius/Fuhlrott 2010, S. 1). Kritisiert wird von der CCC, dass die zahlenden Mitgliedsunternehmen in einer Generalversammlung die Standards, die für alle Mitglieder und ihre Lieferanten gelten sollen, festlegen. Ohne die Einbeziehung anderer Stakeholder. Somit ist sie nicht demokratisch legitimiert. Stakeholder werden zwar zum Informationsaustausch regelmäßig zu Treffen geladen, jedoch zu wenig aktiv eingebunden. SAI-akkreditierte Audit-Firmen kontrollieren die Zulieferer. Angestrebt wird eine SA8000[2] Zertifizierung der Lieferanten. Der dabei verfolgte Top-down-Ansatz dient hauptsächlich dazu, die Risiken für die BSCI-Mitglieder zu reduzieren. Dass die korrekte Umsetzung des Kodexes auch vom eigenen Verhalten, zB der Einkaufspolitik abhängt, bleibt unberücksichtigt (vgl. Erklärung von Bern 2008, S. 59).

„Die Verantwortlichen müssen deshalb Strategien entwickeln, wie sie einerseits die sinnvollen, im BSCI-Verhaltenskodex festgelegten Mindeststandards wahren, andererseits aber ihren unternehmerischen Handlungsspielraum nicht einschränken.“ (Fabritius/Fuhlrott 2010, S. 1)

Die zentralen Konflikte müssen lt. der Erklärung von Bern partizipativ und demokratisch legitimiert gelöst werden, wie es die FWF beispielsweise vollzieht. Mit ca. 60 Mitgliedern ist die FWF bedeutend kleiner als die BSCI. (Was mitunter auch ein Indiz für die hohe Qualität der Verifizierungsorganisation sein kann.) Bei der FWF werden zivilgesellschaftliche Gruppen (zB Gewerkschaften, Arbeitsrechtorganisationen) von Anfang an in die Entscheidungen über das gemeinsame Regelwerk mit eingebunden. Zudem unterstützen die Mitglieder ihre Zulieferfirmen aktiv. Die Mitglieder sind verpflichtet im ersten Jahr der Mitgliedschaft 40 % und im zweiten Jahr 60 % der Zulieferer mittels Monitoringsystem zu verifizieren. Die FWF überprüft dabei mittels Management System Audit das Mitglied. Aber nicht nur die korrekte Überprüfung der Zulieferer von Mitgliedern wird dabei berücksichtigt – das Mitglied selbst wird in Sachen Einkaufspraktiken durchleuchtet. Einkaufspreise und Lieferzeiten beispielsweise – denn dadurch wird den Zulieferern erst die Umsetzung es Kodexes ermöglicht. FWF überprüft nochmals zusätzlich im Zeitraum von drei Jahren jeweils 10 % der Lieferanten stichprobenartig. Hierfür werden spezielle Audit-Teams in den Regionen der Produktionsländer ausgebildet und damit beauftragt. Alle VertreterInnen der zivilgesellschaftlichen Gruppen haben in allen Gremien dasselbe Stimmengewicht, wie die Mitglieder selbst. Beispielsweise wurde auf diese Weise, im Gegensatz zur BSCI, in den Richtlinien ein existenzsichernder Lohn (living wage), statt einem Mindestlohn (der meist nicht dem notwendigen Bedürfnislohn entspricht), implementiert. Auch die Definition, wer als Lieferant bezeichnet werden kann, ist bei der FWF weiter gefasst, als bei der BSCI. Die FWF besteht aus einem Partnernetzwerk mit lokalen Gruppen aus der Zivilgesellschaft. Ein Beschwerdemechanismus, welcher die anonyme Einreichung von Beschwerden von ArbeiterInnen ermöglicht ist ebenfalls Instrumentarium der FWF (vgl. Erklärung von Bern 2008, S. 59-60).


[1] Social Accountability International – Multi-Stakeholder-Initiative, die gegründet wurde, um den SA8000-Standard zu administrieren. Die SAI trainiert und akkreditiert Auditing-Firmen und selbständige AuditorInnen, die dann von Firmen beauftragt werden, die Einhaltung des SA8000-Standards bei deren Zulieferern zu überprüfen. (vgl. Erklärung von Bern 2008, S. 65)

[2] Zertifikat für Firmen. Produzenten, die sich gemäß SA8000 zertifizieren lassen, anerkennen einen vollständigen Katalog von Arbeitsrechten. Der Ansatz ist jedoch aus Sicht der CCC problematisch, da er es westlichen Modefirmen ermöglicht, ihre Verantwortung und die Kosten auf den Lieferanten bzw. Produzenten abzuschieben (vgl. ebd., S. 65)

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